Those are the rules

Those are the rules

Emotionale Reden sind rhetorischer Zündstoff: Sie wecken eingeschlafene Gesichter auf. Bei manchen Rednern können sie zwar nach hinten losgehen und sie machen aus ihnen Harlekins. Im überragenden Falle hauchen Gefühle dem Papier, auf dem sie stehen, eine Raison d’Être ein. Und sie verraten viel über den Redner. Greta Thunberg verriet sich durch Wut.

Was gut ist; Wut treibt zu Höchstleistungen an, Wut macht einen Schwärmer zum Berserker. Wut überwindet Hemmungen, Wut provoziert. Das Problem ist nur, dass bei Gretas wutentbrannter Rede die falschen Hörer im Saal saßen. In ihrer Rolle sind sie für Emotionen schlichtweg unempfänglich. Wären sie es doch, gäbe es keine Kinderarbeit in den Minen von Potosí, um ein Beispiel zu nennen. Selbst wenn Gretas Rede bei dem einen oder der anderen „einen Kloss im Hals“ hervorrief, so wie ihn einige Journalistinnen bei sich selber spürten und darüber zu schreiben brauchten, so wenig erschütterte sie mit ihrer Wut die Tiefen-Psychologie des Politikers. Dieser hat die Vergangenheit zu verarbeiten. Je nach Lebensalter und -erfahrung braucht er die Scherben seiner Vorgänger der letzten sechzig bis siebzig Jahre zusammenzuleimen, von denen er selbst die eine oder andere Narbe abbekommen hat. Politiker dieses Standes wissen um ihre Figur, die sie personifizieren, auf dem schachbrettartigen Parkett, den sie Weltbühne nennen; ein Turnier durchgrübelnd, das die Menschheit gegen sich alleine führt. Selbst als Springer – auch nicht als umjubelter – ist man frei genug, nach Gutdünken die Felder zu überspringen. Sobald man sich an den Tisch setzt, gilt: Those are the rules.

«Die eigene Wut darf nicht als ideologischer Gegenwert für das Leid dieser Welt ausgemünzt werden.»

Als Springer versuchte sich Ché Guevara vor 55 Jahren, ebenfalls wie Greta mit erhobenem Mahnfinger: „Der Tag wird kommen, an dem diese Versammlung ein Maß an Reife erlangt […]“. Greta Thunberg: „Und ihr seid immer noch nicht reif genug, zu sagen, was Sache ist.“ Und weiter sagte sie: „Wir werden nicht zulassen, dass ihr damit durchkommt. […] Die Welt wacht auf. Und die Veränderung kommt […]“ Ché damals: „Denn diese große Menschenmasse (von Unterdrückten, Anm. d. Verf.) sagt ‚Basta‘ und setzt sich in Bewegung.“ Auch Guevaras Mahnrede stieß auf taube Ohren. Es nützt nichts, auf den Tisch zu hauen und in die Runde zu schmeißen: „Haltet ein, ihr Holzköpfe! Ich habe hinter dem Schleier Utopia gesehen!“, denn wovor Guevara und Greta die Welt in unterschiedlichen Belangen warnen, liegt nicht in der Zukunft. Nein. Es ist bereits vollendete Tatsache: Das Versagen. Damals wie heute. Wenn Greta also davon spricht, ihre Kindheit sei ihr geraubt worden, weil sie unter den Konsequenzen des Klimawandels freiwillig auf den Schulbesuch verzichten müsse, dann ist das anmaßend vor dem Hintergrund, dass unter den tausenden von Menschen, die jährlich durch Wasserknappheit verdursten, den Großteil davon Kinder ausmachen, die ihr fünftes Lebensjahr nicht mehr erleben dürfen. Der Schaden ist angerichtet, und die eigene Wut darüber darf nicht als ideologischer Gegenwert für das Leid dieser Welt ausgemünzt werden. Gretas „wie könnt ihr es wagen?“ kommt ohnehin Jahrhunderte zu spät. Es wird gewagt, seit die Ausbeutung unseres Planeten die Taschen füllt. Und trotzdem ist es genau dieser Punkt, der ihre Rede doch nicht sinnlos macht: Die Kritik an das „Märchen des ewigen Wirtschaftswachstums“, die Illusion des klingenden Ka-Chings in Endlosschleife.

Das eine setzt den Kollaps des anderen voraus.

Unendlicher Wachstum ist möglich, ja ja, und sofern sich Ressourcen rechtzeitig erholen, ist meinetwegen auch unendliche Produktion möglich, ohne dass gleich ganze Ökosysteme krepieren – oder so. Aber wenn die Wirtschaft unendlich wachsen soll, dann auch die Menge an ihren Nebenprodukten, sprich an Abfall. Wohin mit dem unendlich großen Müllhaufen? Vor ihm abhauen wird schwer: Wir können jetzt schon kaum den Planeten verlassen, ohne gegen den hausgemachten Weltraummüll zu knallen. Wir entkommen ja nicht einmal dem digotalen Müll – oder geistigen Müll, je nach Ansicht. Unendlicher Wachstum und Klimaschutz beißen sich also. Es sind nicht bloß zwei verschiedene Ansichten, die konkurrieren. Das eine setzt den Kollaps des anderen voraus: Es gewinnt nur Schwarz oder Weiss.

Wieso dann also nicht aufs Ganze gehen, die Schachregeln brechen, den Turniersaal räumen, und die Konsequenz aussprechen, die niemand beim Namen nennt? Den Ausstieg aus der Wirtschaftsordnung. Auf das Gelächter hätte sie anschließend genauso pfeifen können, wie auf die verlogene Anteilnahme, die sie jetzt erhielt.

 

Illustration: Mario Breda

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