Ein Land versinkt in der Kluft zwischen Ernst und Posse

Ein Land versinkt in der Kluft zwischen Ernst und Posse

Text: Silvio Dohner
Foto: Jarno Verdonk/Shutterstock

Es begann mit 50 Cents. Jetzt brennt es in den Straßen Ecuadors. Die indigenen Völker des Andenstaates haben sich erhoben und überfluten die Landesstädte mit Protestwellen. Immer wenn es soweit gekommen ist, so zeigt die Geschichte, ist es um die Regierung schlecht bestellt.

50 Cents wird man wohl noch aufbringen, hat sich das ecuadorianische Kabinett gedacht, als es letzte Woche die Subvention für Benzin und Diesel abschaffte, und somit den Preis einer Gallone um einen halben Dollar anhob. Im Gegenzug sollten in den nächsten Jahren ein paar Milliarden in die Staatskasse zurückfließen. Die sind mehr denn je von Nöten. Eine tolle Rechnung, die aufgehen müsste.

Diesen ökonomischen Dreisatz hat es aber ohne die 3,6 Millionen Menschen gemacht, die in Armut leben. Für sie sind 50 Cents lebensentscheidend. Wo der eine sich in Zukunft halt beim Trinkgeldgeben zurücknehmen muss, muss der andere mit der Frage hadern, wie er die Schulsachen noch bezahlen soll, wenn er seinen Kindern den einzig aufrichtigen Weg aus der Armut nicht verbauen will. 

Man könnte also meinen, das Traumtänzeln der Regierung habe die Proteste ausgelöst, die sie mit Ausnahmezustand und Ausgangsperre auszusitzen versucht. Vor zwei Tagen zeigte sich der Präsident in einer Videobotschaft mit übersteigerter Sittlichkeit – umgeben von Generälen und dem Vizepräsidenten an seiner Seite. Das heute in den Sozialen Medien geleakte Rohmaterial dieses Videos zeigt aber, weshalb das Kabinett schwächelt: Das ist keine Regierung, das ist ein Possenspiel! 

Während der Präsident grossväterlich zu den Kameraleuten stottert, der Text auf dem Teleprompter habe keine Absätze, um ihn richtig abzulesen, kleben die Oberbefehlshaber der Streitkräfte und der Vize an ihren Handys als wären sie Halbwüchsige. Die Rede muss mehrmals wiederholt werden. Der Präsident verspricht sich und die Generäle rollen gelangweilt die Augen. Es ist eine Szene wie von Monty Python.

Nach jedem Sketch hiess es da; and now for something completely different: Um die vierhundert Menschen sind verletzt worden. Achthundert wurden inhaftiert. Ein Gummigeschoss kostete jemandem das Auge. Demonstranten werden von der Polizei zusammengeschlagen oder mit Motorrädern überfahren. Mehrere Menschen starben. Einer, 26 Jahre jung, fiel von einer Brücke, als Polizisten auf Motorrädern ihn vor sich her trieben.

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