Habt ihr Mut für das neue Jahrzehnt?

Habt ihr Mut für das neue Jahrzehnt?

Zum Schluss der Dekade beschenkte uns die Traumfabrik mit einer nietzschieanischen Reise in die Tiefen menschlicher Heuchelei. Ausgerechnet mit dem Joker als Reiseführer, diesem Schurken. Doch war es eine Wohltat. Der Film trägt nämlich den röchelnden Atem eines grausigen Ungetüms, das uns die nächsten zehn Jahre heimsuchen wird.

„Is it just me or is it getting crazier out there?“, fragt der sonst mit Psychopharmaka vollgepumpte Protagonist (Joaquim Phoenix) seine Sozialarbeiterin in einem Moment der Klarheit. Sie antwortet mit Floskeln. Es seien halt schwierige Zeiten. Später im Film wird er sie nochmals fragen: „Hören Sie mir überhaupt zu?“

Dabei hat dieser arme Teufel, aus dem einmal der Erzfeind aller glatten Superhelden wird, vollkommen recht: Es ist heute nüchtern kaum auszuhalten, wie Menschen miteinander noch umgehen. Es wird beleidigt, gedroht, gedemütigt, zugeschlagen, verhöhnt, ignoriert. „Ich weiß nicht, wieso alle so unhöflich sind“, wimmert der Joker, bevor er von einem Alphatier auf die Fresse kriegt. Es darf reinhauen, es ist nämlich einer dieser Exemplare mit „Prinzipien“, ein Politiker, der nur das Beste will. Auch das ein Ausdruck unserer Zeit: Wer sich als Berserker mit Prinzipien ausgibt, ist glaubwürdiger als alle anderen Schnorrer.

Das Problem ist nur, dass diese geheuchelte Oberfläche keinem anderen Zweck dient, als die Inhaltsleere zu füllen.

Nur halten sich nicht nur Trump und seinesgleichen für große Nummern, sondern auch der Hooligan vom Nachbarsdorf. So kassiert man mittlerweile immer eine Faust, oder den Mittelfinger, denn man hat es  heutzutage ja mit„Prinzipien“ zu tun, die zu Infantilität führen und zu vergossenen Milkshakes, und satirischen Liedchen.

Der Joker hingegen hat keine Überzeugungen, geschweige denn politische. In seiner Misere hat er nichts außer seiner Gedanken. „Tief denkende Menschen kommen sich im Verkehr mit anderen als Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberfläche anheucheln müssen“. Der Joker erspürt das; er will Comedian werden, Unterhalter. Jeden Abend schaut er sich die Show seines Idols an, dem Showmaster Murray Franklin (Robert DeNiro), und entzückt sich über die vielen Schenkelklopfer. Zwar sind dessen Pointen plumpe rhetorische Kniffchen. Aber Lachen ist ja gesund! So kleben wir auch oft am Bildschirm, schauen uns einen Prominenten an, der im bunten Anzug und Marken-Sneakers in einem Interview über sein Instagram-Profil klugscheißt. Die Moderatorin zeigt ein Schwarzweiß-Photo seiner entblößten Brust und fragt: „Wieso haben Sie dieses Bild gepostet?“ Er gaukelt ein beschämtes Lächeln vor, zwinkert der Moderatorin zu, seine schneeweißen Zähne leuchten unsere Stuben aus, und dann gesteht er ergeben: „Meine Freundin hatte jedenfalls keine Freude daran!“. Verzaubertes Lachen; ach ist das nicht ein charmanter Kerl? Das Problem ist nur, dass diese geheuchelte Oberfläche keinem anderen Zweck dient, als die Inhaltsleere zu füllen.

„Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man.“ – Friedrich Nietzsche

Auch der Joker durchschaut schließlich seine Idole, die der Falschheit frönen, dem Trugschluss der „Originalität“ – auch so ein beau mot dieses scheidenden Jahrzehnts: Man ist originell schlau, originell modisch, originell redegewandt, originell witzig, also originell ordinär. Wo der Joker zu Beginn noch den Allüren seiner Idole nacheifert, entscheidet er sich für seine eigene Attitüde, dem Tanz des Harlekins, so kehrt er zurück zu seiner einzigen Realität: Die des Hofnarren, dessen ertragene Demütigungen die ehrlichste Komödie erschaffen. Er wiehert mit einem gemeinen Lachen. Dieses war zumindest Nietzsche nicht fremd: „Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man“. So wird aus dem verschupften Würmchen ein Vollstrecker. Bezeichnenderweise, und ganz im Stil von Nietzsche, mausert sich dabei der Joker jedoch nicht zum Antagonisten, sondern zum Antihelden. Denn auch da weiß Nietzsche Bescheid: „Im Kampf mit der Dummheit werden die billigsten und sanftesten Menschen zuletzt brutal“. Die Treppen-Szene seines Asperger-Tanzes ist geradezu ein wohltuender Kontrast gegenüber der Bauernfängerei unserer Zeit, diesem Wahn, dem medialen Zombietum gefällig zu sein. 

„Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel“, schreibt Nietzsche. In dieser Aufzählung fehlt, was er nicht kennen konnte: Die Internetgemeinschaft, die ihren bleiernen Wahn irgendwo auf Facebook und Instagram aufladen muss. Was geschieht, wenn diese anonyme Herde weiterhin im Internet düngt? Sich Meinungen nur noch über Twitter und anhand von Online-Kommentaren bildet? Da mästen sich „Communities“ zu Monstren, die nach reißerischen Schlagzeilen geifern, nach Fake-News und gehässigen Tweets, nach schlüpfrigen Bildchen und vermeintlichen Tatsachen. Das ist zwar nicht neu, doch deren neuartige Prägung wird für den Irrsinn der nächsten Jahre entscheidend sein: Dass dies alles nämlich urdemokratisch sei. Auf diese Weise erheben die Communities das Damoklesschwert über jeden, ohne zu kapieren, was sie da für toxische und kannibalische Prinzipien gebären. Enden wird es in einem Kampf der Hegemonie über das „Internet“, also in dessen Antidemorkratisierung. Verstand wird bis dahin durch „Überzeugung“, Zurückhaltung durch „Originalität“, und Anstand oder Höflichkeit durch „Prinzipien“ ersetzt worden sein. 

Und jene, die sich keinem fremden Irrsinn beugen wollen, sollten sich Nietzsches Frage stellen: „Habt ihr Mut, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? Nicht Mut vor Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Mut, dem auch kein Gott mehr zusieht?“. Für die Mutlosen wie mir gilt: „[…] aus allen Gläsern zu trinken […], verstehen, sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.“

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