Der Schatten einer Blume auf des Dichters Glanz

Der Schatten einer Blume auf des Dichters Glanz

Als ich einen angehenden Kunsthistoriker fragte, ob man die Performance „PloppEgg#1“ von Milo Moiré überhaupt Kunst nennen dürfe, antwortete er: „Ob etwas Kunst ist oder nicht, ist eine ignorante Frage“. Da hatte er wohl gerade Ernst Fischers Maxime gelesen: „Die Kunst muss nichts. Die Kunst darf alles“. Aber was ist mit den Künstlern? Was dürfen die sich erlauben?

Vor ein paar Monaten wurde diese Frage wieder einmal aufgeworfen, nachdem Handke der Nobelpreis verliehen worden war. Darf man das Œuvre im Höchsten würdigen, wenn man die Person dahinter zugleich missbilligt? Offensichtlich ja, denn früh wird gelehrt: Das Geschriebene ist ungleich dem Schreibenden. Da gab es aber einen anderen Nobelpreisträger, der die schlimmere Kontroverse hätte auslösen können, wäre zu seiner Zeit die gleiche Frage gestellt worden. Stattdessen gelang es ihm, seine Gefühlskälte über den Tod hinaus im Glanz seiner Dichtung zu verbergen. Ich rede von keinem geringeren als von Pablo Neruda, dem chilenischen „Dichter des Volkes“, heißgeliebt von der Linken Lateinamerikas und von europäischen Romantikern geschätzt als Meister der höheren Sphären des Gefühls. „Sie können alle Blumen abschneiden, aber nie werden sie den Frühling verhindern“, lautet einer seiner meist bemühten Sätze gegen den Faschismus. Im Nachhinein ein verlogener Spruch, hatte er doch selbst eine Blume abgeschnitten, und ihr die Blüte verweigert: Seiner eigenen Tochter.

Er hatte ihr den hübschen Namen Malva Marina gegeben. Ihm war sie abscheulich: „Ein vollkommen lächerliches Wesen“, „eine drei Kilo schwere Vampirin“, sie sähe aus wie ein Strichpunkt. So beschrieb er Malva, die mit einem Wasserkopf auf die Welt gekommen war. „Die Blütezeit der Malve ist kurz. Oft wächst sie am Wegrand, wie Unkraut“. Dieser Satz wird zur Berechtigung, seine deformierte Tochter und ihre Mutter zu verstoßen, sie als Bittstellerinnen zu ächten. Malva ist kaum zwei Jahre alt, wird über eine Sonde ernährt. Ab jetzt tilgt er sie auch aus seinem Bewusstsein, demzufolge auch aus seiner künstlerischen Schöpfungskraft. Für den großen Dichter, der den Schwachen dieser Welt die Stimme leiht, diente seine dem Tod geweihte Tochter bloß noch als Anekdote in Briefen. Stattdessen überhöht er in seinen Gedichten die Gefallenen des Spanischen Bürgerkriegs, darunter seinen Dichterfreund García Lorca, spendet deren Müttern pathetischen Trost, ermutigt, sich den Faschisten trotz der Opfer nicht zu beugen. Dass seine Frau und seine Tochter in derselben Zeit fern von ihm im nazibesetzten Holland Hunger leiden, scheint ihn nicht zu rühren. Malvas Mutter gibt ihr letztes Geld aus für eine Briefmarke, schickt dem umjubelten Dichter einen Brief, er solle bitte 100 Dollar an Alimenten schicken. Der Brief bleibt unbeantwortet. Genauso wie das Telegramm, das ihn erreicht, als Malva im Alter von acht Jahren in einem Kinderheim stirbt und vergessen geht. Sie hat nie laufen, nie sprechen gelernt. Sowohl Neruda wie auch sein Werk hatten dem Schicksal dieses Mädchens nichts anzufügen. Die Kunst schwieg sich aus. Das sollte sich auszahlen. 1971 war es so weit. Er erhielt in Stockholm die Krönung für sein Lebenswerk mit der Begründung: „Für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“.

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