Das Schöne im Scheußlichen

Das Schöne im Scheußlichen

Text: Silvio Dohner Avilés
Foto: zef art/Shutterstock

The Thin Red Line bot 1998 den Gegenentwurf zu Spielbergs brutalem Weltkriegs-Epos Saving Private Ryan. Er bediente sich dafür des Gegenspiels menschengemachter Zerstörung und der Gleichgültigkeit der Schöpfung. Irgendwo zwischen dieser Polarität hin und her irrend vermutete der Regisseur Terrence Malik die menschliche Natur. Der Krieg als absolute Atrozität blieb indes geltendes Narrativ im Genre. Bis Sam Mendes kam. 

Zuerst lasst uns klarstellen: Es geht hier nicht um Krieg, sondern um Kriegsfilme, die bisweilen schwer auszuhalten sind. Vor allem wenn sie sich vornehmen, uns die Grausamkeit so ungeschönt wie möglich entgegen zu schleudern, wie es Spielberg tat mit seinem Beitrag zum D-Day. Sollte man sich das als Zuschauer wirklich antun? Ja!, meint Aristoteles, blicken wir dem Leid nämlich ins Auge, entsteht ein empathischer Akt, durch den wir sanftmütig werden und Demut lernen. Er nannte diese Regung Katharsis; die Läuterung der Seele. Auch Sam Mendes verleiht seinem Film 1917 die Möglichkeit zur Katharsis. Im Wissen aber, dass die Verfilmung über Grabenkämpfe im Ersten Weltkrieg genauso widersinnig wäre, wie die Absurdität jenes Krieges selbst, lässt er die Protagonisten nicht den Maschinengewehren entgegenrennen, sondern einer viel hässlicheren Pein gegenübertreten, nämlich der Schönheit des Krieges.

Statt Trommelfeuer und brüllende Heerscharen zu entfesseln, stapfen bei Mendes zwei Soldaten auf einem gottverlassenen Schlachtfeld im Morast, wo die Gefallenen im weichen Schlamm gebettet liegen, als würden sie mit aller Zeit der Welt zuwarten bis zum Jüngsten Tag, hüllt sie ein in einen weißen Schleier, die Manifestation des Fog of War. Die wenigen Feinde, denen sich der Hauptdarsteller stellen muss, sind schemenhafte Wesen, die im Dunkeln ihm auflauern, als wären sie verlorene Seelen aus dem Fegefeuer. Als er schliesslich doch einem Feind in die Augen schaut, meint man, er blickte in den Spiegel. Und nach dem einzigen wahrgenommenen Schnitt im Film, wie die Nacht fällt, und die Kamera langsam in ein Zimmer fährt, wo ein zurückgelassener Namenloser tot am Fenster sitzt, die Linse dann hinausspäht, und die Häuserruinen einfängt, die unter dem Licht der Leuchtgranaten Schatten werfen und wie bei einem Hexentanz hin und her schaukeln, während in der Ferne ein riesiges Feuer den verbliebenen Fensterrahmen einer zerbombten Kirche von hinten ausleuchtet, als wäre es die Pforte zur Hölle, erschafft Sam Mendes tatsächlich eine poetische Nachahmung des Krieges. Ohne Pathos. Ohne Verherrlichung. Wir erschaudern darüber, was er da schafft: Im Wesen des Krieges nicht nur Entsetzliches zu erkennen, sondern auch entsetzlich Schönes. Eine schmerzliche Einsicht.

Zum Glück geleitet uns Thomas Newman mit seiner Filmmusik auf diesem Weg der Läuterung. Wenn auch seine Komposition die bitteren Eindrücke verstärkt, so ist sie eine musikalische Referenz auf Fantasia on a Theme by Thomas Tallis, und erinnert uns daran, dass das, was wir uns da gerade antun, letztendlich der fantastischen Empfindsamkeit des Menschen zu verschulden ist, im Kruden etwas Poetisches auszumachen, und aus dem Schönen Krieg zu schaffen. 

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