„Top Gun“ auf Schweizerisch

„Top Gun“ auf Schweizerisch

Als General Suworow in die Schweiz einfiel, fehlten ihm Su-35 Kampfjets aus Sowjet-Produktion. Die russischen Flieger hätten nicht einmal in helvetischen Luftraum eindringen müssen, um mit ihren Raketen die Schweizer Luftwaffe auf dem Stützpunkt Locarno anzugreifen. Über der Lombardei abgefeuert hätten die Flugkörper in 44 Sekunden ihr Ziel erreicht. Die russischen Luft-Luft-Raketen mit NATO-Codenamen „Alamo“ und einer Reichweite von 130 Kilometern hätten sogar die Luftverteidigung über Altdorf, Suworows erstes Ziel, in die Bredouille gebracht. Der rüstige General hätte sich dadurch den Gewaltmarsch quer über die Alpen erspart – aber nein.

Natürlich ist dieses Szenario so absurd und anachronistisch, wie wenn sich hierzulande Patrioten wieder Helvetier nennen. Die geographischen Tatsachen würden indes grosso modo zutreffen: Luftlinie der Schweiz von Norden nach Süden beträgt bekanntlich 220 Kilometer, was beispielsweise nicht ganz der Reichweite einer amerikanischen AMRAAM-Rakete entspricht. Sollten wir die Amerikaner also erzürnen, könnten deren in Deutschland stationierten Flieger Raketen mit einer Höchstgeschwindigkeit von Mach 4 losschicken, die je nach Flughöhe in etwa zweieinhalb Minuten die Schweiz bis ins Tessin durchqueren könnten. Das sind zweieinhalb Minuten, in denen die neuen Flieger, die die Schweizer Luftwaffe sich zulegen will, den Luftraum verteidigen müssten. Also nix da mit romantisierten Dogfights über verschneiten Bergkuppeln! Das sieht das VBS übrigens auch so: „[…] aus ausländischen Lufträumen einfliegende Flugzeuge befinden sich innert weniger Minuten über dem Schweizer Mittelland und damit über den bevölkerungsreichen Ballungsräumen“1https://www.vbs.admin.ch/de/verteidigung/schutz-des-luftraumes.detail.document.html/vbs-internet/de/documents/verteidigung/sicherheitluftraum/Bericht-Luftverteidigung-der-Zukunft-d.pdf.html.  

Also müssten rund um die Uhr Flieger im Luftraum patrouillieren, um „in allen Lagen eine hohe Reaktionsfähigkeit“2https://www.vbs.admin.ch/de/verteidigung/schutz-des-luftraumes.detail.document.html/vbs-internet/de/documents/verteidigung/sicherheitluftraum/Bericht-Luftverteidigung-der-Zukunft-d.pdf.html aufzuweisen. Permanente Patrouillen bedeuten auch hohen Materialverschleiß. Während die einen Flieger rund um die Uhr in der Luft düsen, müssen die anderen permanent in Wartung. Es wären also nicht alle Jets einsatzbereit. Das verringert wiederum die Defensivkraft. Eine unglückliche Rechnung. Deshalb sollen bis 2030 vierzig neue Kampfjets angeschafft werden. Keine beeindruckende Zahl, denn Frankreich unterhält jetzt schon 271 Kampfjets. Deutschland 206. Italien 197. Nordkorea, zwar kein Nachbar, aber dafür ein Staat, der rein theoretisch, es schurkisch auch auf die Schweiz abgesehen haben könnte, soll angeblich sogar 572 ins Gefecht werfen können (Stand 2019).3https://www.flugrevue.de/militaer/kampfflugzeug-arsenal-top-10-die-groessten-luftmaechte-der-welt/ Zu unserem Glück sollen viele davon jedoch sowjetische Saurier der sogenannten 2. und 3. Kampfjet-Generation sein, uralte MiG-21, wie die aus dem Vietnamkrieg. Auch muss man wohl kaum einen Angriff von freundlich gesinnten Nationen befürchten. Insgeheim natürlich schon, man kann ja nie wissen, sagen sich die Militaristen. Das sagen sich die Nordkoreaner eben auch, und behalten ihre alten MiGs, zu deren Generation auch unsere in Rente geschickte F-5 gehört.

So stellt sich beim wahrscheinlich kommenden Kampfjet-Referendum4https://www.srf.ch/news/schweiz/referendum-lanciert-diesmal-stehen-die-kampfjet-gegner-ziemlich-alleine-da wieder einmal die ideologische Grundsatzfrage, ob wir überhaupt eine Luftwaffe brauchen, wenn in einem konventionellen Krieg, den es gar nicht mehr geben wird, sie in taktischer Hinsicht keinen Unterschied macht. Anderseits wird das Volk der Armee ihre Luftwaffe wohl kaum verwehren, denn eine Armee ohne Luftwaffe ist wie eine Armee ohne Flotte, oder etwa nicht? In meinem Fall rechne ich es der Luftwaffe hoch an, dass sie Nachwuchspiloten die Ausbildung finanziert, und ihnen das Fliegen lehrt, ehe sie die Autoprüfung bestehen. Man muss ja nicht immer das Spielzeug haben, das die anderen besitzen, aber das Wissen und Können der anderen sollte man sich schon aneignen dürfen. (Dieser Punkt ging bisher in der ganzen Debatte leider unter). Da man also sowieso die Flieger beschaffen wird, wäre es mir lieber gewesen, wenn das Volk hätte mitentscheiden dürfen, welche schnittige Silhouette uns in Zukunft mit Getöse von oben herab schirmen soll. Denn mittlerweile fragt man sich doch, was für kuriose Deals auf dem Tisch liegen: Die Schweden haben die Gripen selber aus dem Rennen genommen, während die Bordkanone des modernsten Kampffliegers der Welt, der amerikanischen F-35, daneben schießt,5https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/die-maengel-des-tarnkappenjets-f35/story/24841825 wobei die Amerikaner die museale Rafale der Franzosen bespötteln6https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/neue-kampfjets-fuer-die-armee-amerikaner-spotten-ueber-europaeische-konkurrenz-134726542, und der Eurofighter-Hersteller in Österreich mit Korruptionsvorwürfen suspekt wird.7https://www.derstandard.at/story/2000114993806/ein-super-gau-fuer-die-justiz-die-eurofighter-fliegen-einer Am Schluss bleibt noch die F/A-18. Aber halt! Die haben wir doch schon? Wieso sollen unsere F/A-18 verschwendet werden, um wieder F/A-18 einzukaufen? Reichen die bisherigen denn nicht? Ist doch klar: Die neuen Ausführungen sind moderner und haben teilweise Tarnkappen-Eigenschaften!8https://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/neue-kampfjets-fuer-die-armee-amerikaner-spotten-ueber-europaeische-konkurrenz-134726542 Wer jetzt die Augenbraue hebt, mausert sich zum Banausen in Militärgeschichte: Durch Tarnkappen-Eigenschaften wären unsere Flieger nämlich für Suworows Su-35 zum Teil, aber nur zum Teil, unsichtbar gewesen. Zu dumm, hatte er keine dabei.

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