Nachruf der Gefallenen

Nachruf der Gefallenen

Langsam stirbt sie aus; die Nicaraguanische Revolution. Noch nicht ganz im kollektiven Bewusstsein. Aber mit Sicherheit im Greifbaren: Heute verschied einer ihrer schillrigsten Missionare, der Priester Ernesto Cardenal. Als gebürtiger Nicaraguaner, dessen Anfang aus der Verflechtung damaliger Schicksale hervorging, fühle ich mich in der Pflicht, einen Nachruf im Geist der Nächstenliebe zu verfassen. Aber nicht für Cardenal, sondern für die Vergessenen, die wegen seiner Ideologie unter der Erde liegen.

 

Lateinamerika ist ein widersprüchliches Stück Eden. Nie habe ich einen anderen Ort erlebt, wo dergleichen mit süffisanter Gelassenheit Widersprüche jongliert werden, dass es einem die Sprache verschlägt. Meistens nicht zum Wohl der Allgemeinheit. Nicaragua ist keine Ausnahme aber ein Sonderfall. „Vom Wasser beider Ozeane durchweichte Erde im Feuer der Vulkane verheizt, das ist Nicaragua“, soll der Dorfschmied einst zu Sandino gesagt haben, jenem ideologiefreien Freiheitskämpfer, dessen Name später für die kommunistische Revolution missbraucht werden würde. Ein kommunistisches Land auf dem Kontinent! Daran war doch Ché Guevara gescheitert. In Bolivien. An den Campesinos, die sich partout nicht zu Marxisten bekehren lassen wollten. Guevara zahlte letztendlich dafür mit dem Leben. Nicaragua war ein Sonderfall. Da klappte es gut.

Diesen Erfolg haben die Marxisten einem Mann Gottes zu verdanken: Dem eben verstorbenen Ernesto Cardenal. Der Priester trickste in etwa so wie die katholische Kirche bei der Eroberung der Neuen Welt: Mit der Vermischung von Heilsgeschichte und alteingesessener Kultur, dem sogenannten Synkretismus. Um den Indios das Neue Testament einzuprägen, hatte sie den Esel durch ein Alpaka ersetzt, das Lamm durch ein Meerschweinchen, die Orgel durch Charango und Andenflöte. Ähnlich ging Cardenal vor. Als er in urchristlichem Eifer Land auf dem Solentiname-Archipel im Nicaragua-See mit ein paar Gefolgsleute sich unter den Nagel riss, begann er die dortigen Campesinos mit marxistisch verklärtem Heilsplan zu missionieren. So lernten die Ärmsten der Ärmsten den ideologischen Spagat, den anachronistischen Konnex zwischen Kommunismus und Solidarität, zwischen USA und Römischem Reich, zwischen Ché Guevara und Jesus. Darin bestand der ganze Zauber der Befreiungstheologie, im Kern nur eine weitere Schimäre des Kalten Krieges. So kam mit dem Heilversprechen auch Hand in Hand das Unheil schmutziger Kriege. 

1979 siegten die Sandinisten mit der Unterstützung verarmter Campesinos, die nun ihren einzigen Reichtum, ihre Nachkommen, für den folgenden Bürgerkrieg auch noch opfern mussten. Ernesto Cardenal wurde zum Kultusminister ernannt, was in dieser Konstellation bedeutete, propagandistische Stimmung zu machen, damit Sechzehnjährige im Dschungelkampf gegen Brüder schössen. Am Ende zählte man 65’000 Tote in einem  ausgebluteten Land, deren jüngste Generation nur als Krüppel überlebte. Cardenal überwarf sich mit seinen marxistischen Schutzherren, deren Aufstieg er ermöglicht hatte. Sie seien zu wenig christlich. Er trällerte plötzlich Versöhnung, bevorzugte das, was er besser beherrschte, das Dichten. Und so ging es hin und her bis zum heutigen Tag, während das Volk in noch bitterer Armut den Jongleuren zuschauen durfte: Vor zwei Jahren verurteilte das sandinistische Regime Cardenal zur Zahlung von 800’000 Dollar als Entschädigung für das damals in Besitz genommene Solentiname. Cardenal schimpfte die Regierung eine Diktatur, sie reagierte mit Diffamierung und drohte ihm Freiheitsentzug. Jetzt, da er gestorben ist, gibt man sich christlich, und ruft ihm zu Ehren eine dreitägige Staatstrauer aus, seine politisch verquirlte Sakrallyrik setzt man gleich mit der Kunstfertigkeit des Nationaldichters Rubén Darío.

In einem Interview von 1987 bekräftigte Ernesto Cardenal, dass der Geist seiner Theologie, und somit der Geist der Revolution, auf das Johannesevangelium aufbaue, der Nächstenliebe. Während man in Europa ihn dafür am liebsten den Nimbus aufs Haupt setzen könnte, fällt es mir als sein Landsmann schwer, dies als Karitas anzuerkennen. Für sein fundamentales Paradoxon eines marxistischen Gottesreichs, das er letztendlich propagierte, mussten viel zu viele ins Gras beißen. Und jede Menschenseele, die einem ideologischen Überbau geopfert wird, ist eine Seele zu viel.

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