«Es droht Hoffnung»

«Es droht Hoffnung»

Dieses tückische Ding, das sich so schnell ausbreitete, wie Sprühregen im Wind, hält uns nun seit Wochen in seinem Bann. Tag für Tag jagt eine Hiobsbotschaft die andere, und sie offenbaren in fast allen Belangen unseres ewigen Einerleis, die Machtlosigkeit gegenüber dieser Bedrohung, der wir vor kurzem noch mit eingeübter Arroganz entgegensahen. Bis wir staunten, wie dieses unlebendige Ding jenen seelenlosen Koloss siech machte, den wir gestählt glaubten; unsere Wirtschaftsordnung. Da war man baff. Nun sollten wir aber den Atem anhalten, denn: «Es droht Hoffnung», wie gestern auf einer Mauer gesprayt stand. 

In ungewissen Zeiten wird manch Entscheidung zu einer schweren Bürde. Denn die Konsequenzen sind plötzlich existenter als einem lieb ist. Eine Lektion, in der man selten tiefschürfend geschult wird. Man kann das auch als eine Lektion in Bescheidenheit ansehen. Die routinierten Abläufe unseres Alltags greifen nicht mehr ineinander. Man ist gezwungen, sich mit der eigenen Individualität auseinanderzusetzen, mit der Vergänglichkeit. Einen Blick ins schöpferische Chaos zu werfen. Das gesellschaftliche Gerüst wackelt, das bis anhin das Mass unseres Handelns limitierte. Existenzielle Fragen drängen sich auf, neue Denkweisen verfestigen sich, Alternativen werden im Geist überdacht, auch Bewährtes rezykliert. Es ist ein Mechanismus, den wir nicht gewohnt sind nach all den Jahrzehnten im Schoss der Selbstverständlichkeit. 

Sitzt man dann noch alleine im gespenstischen Café, die Boulevardzeitung mit einschüchternden Lettern in der Hand, könnte man Bammel kriegen. Oh je, was kommt bloß noch auf uns zu? Atmet durch. Im Kern folgt eigentlich das, weshalb es unsereiner seit dreihundert Jahrtausenden immer noch gibt: Mit der wiedergewonnen Einsicht, dass wir rein gar nichts auf dieser Erde zu husten haben, löst sich eine Lawine der Bescheidenheit, die den Weg ebnet für mehr Menschlichkeit. So erleben wir gerade, wie Menschen sich gegen die Krise hochstemmen, um anderen Menschen ihre Solidarität anzubieten, in irgendeiner Weise das Ungewisse begreiflicher zu gestalten, den evolutiven Platz zu behaupten. Zwar geschieht das noch mit einer heillosen Planlosigkeit. Aber so ist es nun einmal bei Sternstunden. Und das spendet Hoffnung. Hoffnung, dass aus diesem historischen Wendepunkt ein neuer Humanismus erwächst, eine Weltanschauung sich etabliert, die die Würde des Menschen über alle anderen kleinlichen Dinge stellt, um die wir uns bis anhin mit der Bosheit von Kanaillen zankten. Halten wir diesen Geist der Erneuerung trotz aller Widrigkeiten am Leben, retten wir das Recht, hier zu sein. Wieder einmal. 

 

 

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